21.12.2022. Als St. Leonhard in Börwang abgebrochen werden sollte…

Wir schreiben das Jahr 1922. Der Kirchenbauverein Börwang trifft sich zur letzten Generalversammlung und löst sich auf. Vor 100 Jahren ging damit eine geschichtliche Episode zu Ende, die über längere Zeit die Bevölkerung von Börwang und Haldenwang sehr bewegte und beinahe zum Abbruch der Dorfkapelle St. Leonhard führte. Der Haldenwanger Hauptlehrer i.R. Josef Welle hat in unserer Gemeindechronik die Aufzeichnungen aus zahlreichen Protokollen zusammen gefasst.

Kirchen waren zu klein

Anfangs des 20. Jahrhunderts wird immer mehr der Ruf laut, die Ortskapelle St. Leonhard in Börwang zu erweitern, um dadurch den öffentlichen Religionsunterricht und die Christenlehre besser abhalten zu können. Besonders im Winter ist es sehr beschwerlich, die Kinder bis nach Haldenwang zu bringen.

Aber auch die Haldenwanger Pfarrkirche ist längst zu klein, restaurationsbedürftig und mit einer hinfälligen Orgel hinter dem Hochaltar ausgestattet, die eine „erbauliche Andacht nicht mehr möglich macht“. So wird in Haldenwang 1911 der Gedanke aufgegriffen, die Kirche zu erweitern und zu renovieren. Börwang mit seinen 650 Seelen soll für diese Maßnahme 70.000 bis 80.000 Mark beisteuern.

„Da wollen wir lieber selbst bauen“

In Börwang kommen diese Überlegungen nicht gut an. „Da wollen wir lieber selbst bauen“, ist die mehrheitliche Meinung. Erste Überlegungen drehen sich um eine Erweiterung der Leonhardskapelle oder gar um einen Abbruch und Neubau. Um diesem Ziel näher zu kommen, gründen die Betroffenen 1912 den „Kirchenbauverein Börwang“. Dessen Bestreben ist es nun, mehr Kirchenraum zu schaffen (bis zu 470 Sitzplätze). 1913 ist in einem Prokoll wörtlich zu lesen: “Im Interesse der Disziplin, Hygiene und religiösen Bildung kann es nicht mehr so weitergehen, wenn in der Kapelle oft 100 Schulkinder auf einem kleinen Pflasterboden von fünf bis sechs Quadratmeter zusammengepfercht sind“.

Erster Vorstand des Vereins wird der damalige Pfarrer Johann Witzigmann von Haldenwang. Für ihn ist es besonders schwer, einerseits die Haldenwanger Pläne voranzutreiben und andererseits den Börwanger Wünschen gerecht zu werden. Nach vielen Diskussionen will Pfarrer Witzigmann die Gemeinde für den Vorschlag gewinnen, die Haldenwanger Pfarrkirche zu erweitern. Er droht sogar: „Wenn nicht bald etwas geschieht, habe ich keine Lust mehr, hier noch länger meines Amtes zu walten“.

Die Börwanger werden überstimmt

Eine Kirchengemeindeversammlung im April 1914 für oder gegen den Erweiterungsbau in Haldenwang ergibt folgendes: 130 Anwesende stimmen mit Ja, 93 mit Nein. Börwang wird überstimmt und soll vorerst 15.000 Mark beisteuern. Die Börwanger sind enttäuscht, lassen sich aber nicht einschüchtern. Sie sammeln weiter Geld und erhöhen durch Spenden und Aktionen das Vereinsvermögen auf 61.000 Mark.

 

1916 trifft vom Königlichen Generalkonservatorium Bayern das von Pfarrer Witzigmann erbetene Gutachten ein mit folgendem Wortlaut: „St. Leonhard, der kleine malerische Bau, besitzt künstlerischen und kunstgeschichtlichen Wert, so dass ein Abbruch, gegen den auch Gründe der Pietät sprechen, nicht befürwortet werden kann“. Pfarrer Witzigmann verlässt die Gemeinde. Die Wirren des Krieges verhindern weitere Entscheidungen.

„Ein nie wieder gut zu machender Schaden“

Auf Verlangen der Börwanger fertigt 1920 der Marktoberdorfer Architekt Helms eine kunstvolle Zeichnung an, die eine Verlängerung und Erweiterung der Dorfkapelle St. Leonhard vorsieht. Die geschätzten Kosten schwanken zwischen 120.000 und 150.000 Mark. Bei einer Generalversammlung im Dezember 1920 sprechen sich von den 50 Anwesenden aber nur 18 Mitglieder des Vereins für eine Erweiterung aus, 32 sind dagegen. Damit ist die Verwirklichung des Vorhabens in weite Ferne gerückt.

1921 erwirbt der Orden der Salvatorianer die ehemalige Brauerei Riepp und gründet in Börwang ein Kloster. Nun tritt eine Wende in der Geschichte des Kirchenbauvereins ein. Zum Ende des Jahres 1922 wird das letzte Protokoll verfasst. Der Verein löst sich auf.

Gewiss wäre es ein nie wieder gut zu machender Schaden gewesen, wenn damals die Dorfkapelle St. Leonhard abgebrochen worden wäre.